Uber den Künstler
Jules Chapon, geboren 1914 in Heemstede – gestorben 2007 in Saint-Cyprien, Dordogne, war ein niederländischer Bildhauer, Glasmaler und Maler.
Kindheit und Hintergrund
Jules wurde als Sohn von Barend Chapon und Mietje Zilverberg geboren. Sein Vater war Börsenmakler, Vorsitzender des Kirchenrats der jüdischen Gemeinde in Haarlem und Mitglied des Judenrats. In seiner Jugend wuchs Chapon in einem künstlerischen Umfeld auf. Sein Vater besaß eine Kunstsammlung der Haager, Amsterdamer und Bergener Schulen und interessierte sich für Architektur. Seine Schwester war Tänzerin. Als Jules etwa zehn Jahre alt war, bekam er seinen ersten Malkasten. Obwohl er zunächst für eine Karriere im Finanzwesen bestimmt schien, entschied er sich während des Krieges schließlich für eine Karriere als Künstler.
Kriegsjahre und Verlust der Familie
Während der Mobilmachung war Chapon als Soldat in Rotterdam stationiert, wo er die Bombenangriffe erlebte. 1941 wurde die Investmentgesellschaft seines Vaters von den Deutschen beschlagnahmt und liquidiert. Jules begann dann wieder zu malen und zu zeichnen.
1942 schloss er sich dem Widerstand an. Unter anderem half er Juden, falsche Ausweispapiere zu beschaffen. Im September 1943 wurde er verraten und verhaftet. In Amsterdam wurde Jules verhört und misshandelt. In einem Moment der Unachtsamkeit gelang ihm die Flucht durch den Fahrradschuppen der Polizeiwache. Anschließend tauchte er an verschiedenen Orten unter und begann, sich intensiv mit Philosophie zu beschäftigen. Diese Zeit gab ihm Ruhe und Besinnung.
Er kam zu dem Schluss, dass das materielle Leben leer sei. Wenn er den Krieg überlebte, wollte er sich einer ernsthaften Beschäftigung widmen. In der Zwischenzeit ereignete sich in seiner Familie eine Tragödie. Anfang 1943 wurde sein Vater verhaftet und am 2. Februar zusammen mit Oberrabbiner Philip Frank in den Dünen bei Bloemendaal erschossen. Am selben Tag wurden auch seine Mutter und seine Schwester verhaftet. Seine andere Schwester Selma war nicht zu Hause und überlebte den Krieg. Jules und seinem Bruder gelang zunächst die Flucht, doch sein Bruder kehrte zurück, um die Frauen nicht in Ruhe zu lassen, und wurde trotzdem verhaftet. Sie alle wurden über die Hollandse Schouwburg und Westerbork nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Neustart in Haarlem und Auseinandersetzung mit der Vergangenheit
Nach dem Krieg kehrte Chapon nach Haarlem zurück, wo er im Alleingang ein altes Gebäude im Klein Heiligland restaurierte. Er nutzte dies auch als Galerie. Jan Nederkoorn, der Mann, der seine Familie verraten hatte, lebte in der Nähe. Jede Begegnung mit ihm war eine Konfrontation. Jules versuchte zweimal, ihn mit seinem Auto zu überfahren. Sein Arzt riet ihm daraufhin, die Niederlande zu verlassen. Er besaß nun eine Ruine in der Dordogne und beschloss, sich dort dauerhaft niederzulassen.
Frühe künstlerische und stilistische Entwicklung
In den ersten Jahren nach dem Krieg arbeitete Jules in einem naturalistischen Stil. Seine Kriegserlebnisse verarbeitete er in düsteren, aufgeladenen Gemälden wie „Hungerwinter“ und „Konzentrationslager I und II“. Er nahm Unterricht bei Henri Boot und Kees Verwey. 1940 heiratete er Polly Meure.
Durchbruch und Einflüsse aus Südfrankreich
Ab 1947 stellte Chapon seine Werke in den Niederlanden und Frankreich aus. Er malte Landschaften, Porträts, Stillleben und Figurendarstellungen. Durch Begegnungen mit Künstlern und Dichtern wie Nicolas de Staël und René Char in Südfrankreich begann sich sein Stil zu verändern. Beeinflusst von dänischen Cobra-Künstlern begann er expressiver und abstrakter zu arbeiten. Sein Umgang mit Farben wurde lebendiger, seine Linien einfacher. Ab 1957 schuf er ausschließlich abstrakte Werke.
Galerie Espace und Künstlernetzwerk
1956 gründeten Jules, Polly Meure und Eva Bendien die Galerie Espace im Atelier von Jacob Bendien im Klein Heiligland in Haarlem. 1960 zog die Galerie nach Amsterdam. Die Galerie existiert noch. Chapon war auch zusammen mit Godfried Bomans, Anton Heyboer und Harry Mulisch in der Haarlemer Künstlervereinigung Teisterbant aktiv.
Ende seiner Ehe
In den 1960er Jahren entfremdeten sich Jules und Polly. 1964 ging sie nach Belgien, wo sie in Brüssel eine Galerie eröffnete. Die Scheidung erfolgte einige Jahre später.
Monumentale Aufträge und internationale Anerkennung
Zwischen 1960 und 1980 erhielt Chapon wichtige monumentale Aufträge. Er schuf beeindruckende Wände unter anderem für die Fokker-Fabriken in Schiphol, die niederländische Zentralbank in Amsterdam und das Bijlmerbajes-Gefängnis. Zu diesem Zweck verwendete er alte Schiffsplatten, in die Löcher gebrannt wurden, die er in Zusammenarbeit mit dem Studio Van Tetterode mit Glasapplikationen füllte. 1968 wurde der dreijährige Produktionsprozess der Mauer für die Nederlandsche Bank vom Filmemacher Wim van der Velde aufgezeichnet. Der Film gewann 1972 bei einem Festival in Bilbao eine Goldmedaille.
Zurück zur Malerei in Frankreich
Ab den 1970er Jahren experimentierte Chapon auch mit Polyether und Plexiglas. 1973 ließ er sich dauerhaft in der Dordogne nieder. Die Ruhe der französischen Landschaft gab ihm Raum, sich wieder voll zu entfalten um sich auf das Malen und Zeichnen zu konzentrieren. Er fühlte sich dort zu Hause, anders als in den Niederlanden, wo ihn zu viel Elend und Verlust aufkam.
Anerkennung und Reflexion in späteren Jahren
1996 fand im Jüdischen Historischen Museum eine Retrospektivausstellung seiner Werke statt. Im selben Jahr erzählte Chapon dem von Steven Spielberg gegründeten USC Shoah Foundation Institute seine Lebensgeschichte. Dies wurde in die Witnesses Tell-Sammlung des Jüdischen Historischen Museums aus dem Jahr 2000 aufgenommen.
Philosophie, Einfachheit und Kunstfertigkeit
In seinen späteren Jahren besann sich Chapon immer mehr auf das Wesentliche. Er strebte in seiner Arbeit nach Einfachheit, Stille und Konzentration. Er glaubte, dass Kunst kein Elend zeigen sollte, sondern dem Betrachter Raum für eigene Gedanken bieten sollte. Für Jules waren Malen und Zeichnen eine Existenzform, auf die er nicht mehr verzichten konnte. Sein Blick auf die Landschaft vermittelte ihm ein Gefühl der Unendlichkeit, in dem er die Linien immer wieder neu entdecken wollte.
In den 1950er Jahren beschrieb ihn der Kunstkritiker Hans Redeker als „eine kontemplative, verschlossene und introvertierte Figur“. Er selbst gab später zu: „Meine Befreiung kam eigentlich erst, als ich endgültig nach Frankreich zog.“

















































